<<zurück<<

>>weiter>>

EIN JAHR SPÄTER


Baffi war zu einer (meist) wohlerzogenen, liebevollen, verantwortungsbewussten jungen Dame herangewachsen.
Sie schnupperte während ihres ersten Lebensjahres in die verschiedensten Berufsgruppen hinein, immer auf der Suche nach ihrer eigentlichen Bestimmung, dem Sinn i h r e s  Lebens.
Als wenn sich ein unsichtbarer Vorhang vor ihren Augen aufgeschoben und einen Blick auf ihr zukünftiges Leben gestattet hätte, wusste sie es plötzlich!
Sie war nichts anderes und nicht weniger als ein H ü t e h u n d , ein britischer, ein altenglischer Hütehund, ein Old English Sheepdog, ein Bobtail!!
  Diese Erkenntnis und große Wende brachte seltsamerweise unser Umzug in eine neue Wohnung. – Die alte war ja nicht mehr zu gebrauchen!! –
Nein, deshalb zogen wir nicht um. Unser Rudel hatte sich vergrößert, durch Klaus, meinen Lebensgefährten und unseren zweiten Rudelführer. Eine schöne große Dachgeschosswohnung mit gemütlicher Loggia wurde gefunden und bald darauf von uns dreien bezogen.
Es geschah etwas, das uns Menschen als ein Wunder erschien! Mit dem Tag des Umzugs endete Baffis „Zerstörungswut“. Alle Dinge blieben völlig unbehelligt an ihrem Platz stehen.
Selbst die herrlichsten Schuhe, und die verlockendsten, niedlichsten Stofftiere durften sich unter Baffis Obhut sicher und geborgen fühlen.
  Baffi, unser Engelchen, die einzige, die dieses Geheimnis hätte lüften können, hat es uns niemals verraten. Was auch immer, wie und wann geschehen sein mochte, wir haben es nicht erfahren und waren für diesen plötzlichen Sinneswandel einfach nur dankbar und glücklich!!
Die Arbeit eines Hütehundes beinhaltet natürlich andere Tätigkeiten als Möbel mit Schnitzarbeiten zu verzieren oder Stofftiere zu sezieren. Das war Baffi, zusammen mit der Erkenntnis ihrer wahren Berufung, klar geworden.
Die Entdeckung ihrer naturgegebenen  Talente wirkte sich äußerst positiv auf ihre neue berufliche Tätigkeit aus. In kürzester Zeit war sie zur Hütehund-Meisterin aufgestiegen mit besonderen Auszeichnungen auf dem Gebiet: „Hüten einer Menschenherde“!
 

EIN VERGNÜGTES HUNDELEBEN


Was machte einer jungen Bobtail-Dame am meisten Spaß? Natürlich Arbeit!! Schöne, sinnvolle Arbeit, die gerne nett verpackt sein durfte in lustigen Spielen und ausgiebigen Spaziergängen.
  Falls ein Mitglied unseres Rudels Lust bekam auf ein Spielchen, musste er das den anderen auf ganz besondere Weise mitteilen. Dieses Ritual hatte Baffi uns beigebracht. Es funktionierte folgendermaßen: Wir Menschen ließen uns zunächst hinab auf Hände und Knie, Baffi konnte diesen ersten Punkt auslassen. Mit einem Satz duckten wir unseren Oberkörper ganz hinunter auf den Boden, wie eine Katze, die zum Sprung ansetzt. Dabei stampften wir kräftig mit den Vorderpfoten, bzw. Händen auf. Das Hinterteil reckten wir hoch in die Luft und wackelten wild mit unserem, falls vorhandenen, Wackelschwänzchen, ersatzweise nur mit dem Hinterteil.
Dabei blitzten wir unseren gewünschten Spielpartner möglichst spitzbübisch durch unsere, leicht über die Augen fallenden, Haarfransen an. Wurde diese Prozedur gekonnt ausgeführt, vermochte der Partner nicht zu widerstehen und ging auf die Spielaufforderung ein, indem er seinerseits kurz das Aufforderungsritual durchführte.
Die wilde Jagd konnte beginnen!
Baffi fand es äußerst belustigend, wenn wir Menschen versuchten, dieses Kunststückchen besonders perfekt auszuführen. Vor Vergnügen sprang sie mit allen vier Pfoten gleichzeitig in die Luft und setzte zu einem gewaltigen Scheinangriff auf uns an. Sie sprang mit einem Satz herbei, kam einige Millimeter vor unseren Füßen zum Stehen, deutete ein Anspringen an, ohne uns jedoch zu berühren und sauste weg wie der Blitz.
Die nächstbeste Beute wurde geschnappt und „tot geschüttelt“! Fellstücke, Gummiringe, Kauknochen, weiche, in höchsten Tönen quietschende, Gummimäuse oder ein alter Socken gehörten zu den beliebtesten Beutestücken. Manchmal musste ein gefährlicher alter Schuh, eine verdächtige Papprolle, ein Feindstöckchen aus dem Wald oder ein besonders heimtückischer Ball gefangen und unschädlich gemacht werden.
Die Beute „Ball“ war in jeder Form besonders schwer zu bändigen. Eine winzige Unaufmerksamkeit und er sauste davon. Er hatte niemals eine Chance, weil er bei seinen Fluchtversuchen nicht die ungeheure Reaktionsschnelligkeit und das ungezügelte Temperament, den Mut und die Unerschrockenheit eines britischen Hütehundes einkalkulierte. Baffi bemerkte die Flucht, schoss mit einem Blitzstart hinter dem Flüchtenden her, beschleunigte auf volle Geschwindigkeit, um nach drei bis vier Metern mit kreischenden Pfoten eine Vollbremsung durchzuziehen.

Gleichzeitig stürzte sie sich mit beiden Vorderpfoten und der Nase auf die Beute und erwischte sie, kurz bevor diese dazu angesetzt hatte, die Hauswand zu durchbrechen.
Geschafft!!
Was machte es aus, dass die Nase schon einmal vor dem Schrank, unter der Heizung oder zwischen den Schallplatten landete, weil der Bremsweg bei diesen enormen Geschwindigkeiten einfach etwas lang war? – Rein gar nichts machte es Baffi aus! – Das konnte einen Bobtail wirklich nicht erschüttern. Der schönste Lohn war die wiedereroberte Beute, die kräftig durchgeschüttelt und stolz erhobenen Hauptes davongetragen wurde. Zum Glück besaß ein Ball ziemlich viele Leben!
  Rudelkollegen liebten es, sich rein zum Spaß um die Beute zu streiten. Ein menschliches Rudelmitglied meldete Ansprüche auf ein Beutestück an, das sich eigentlich in Baffis Besitz befand! Das war genauso unerhört wie einfach herrlich schön! Endlich konnte man mal so richtig den „wilden Löwen rauslassen“!
Es begann mit einem Spurt aller Interessenten in Richtung Beute, die von dem Schnellsten gegriffen und in Sicherheit gebracht werden sollte. In dieser Spielphase genoss Baffi ihren Vorteil, über doppelt so viele Antriebsstärken zu verfügen, wie ein Mensch. Ein Bobtail mit vier PS (Pfotenstärken), musste einfach schneller sein, als ein Mensch mit nur zwei FS (Fußstärken). Wir versuchten zwar unter Einsatz unserer Arme und Hände eine größtmögliche Beschleunigung zu erreichen, blieben aber dennoch relativ lahme Schnecken.
Dafür hatten wir Menschen eine ganz gute Taktik des Weg abschneidens oder in eine Falle treibens entwickelt. Gelang es uns damit, unseren Hund an der Flucht zu hindern, brauchten wir nur noch die Beute zu greifen und in unseren Besitz zu bringen. Diese Prozedur ging natürlich nicht kampflos vonstatten! Mit dem Vorderteil hing das arme Fellstück oder ein bedauernswerter Schuh zwischen gewaltigen, spitzen, scharfen, unerbittlichen Reißzähnen.
Für das Hinterteil gab es aus eisernen Fäusten mit starken Krallen kein Entrinnen. Beide Kampfpartner versuchten, sich gegenseitig durch donnerndes Kampfgeschrei (des Menschen), bzw. löwenartiges Kampfgebrüll (des Hundes) einzuschüchtern, um einen schwachen Moment des Gegners zu nutzen und ihm die Beute zu entreißen.
  Ein junger Bobtail konnte eine unglaubliche Zähigkeit und Kraft entwickeln! Manchmal sahen wir uns gezwungen, einen kleinen Zaubertrick anzuwenden, um auch einmal den Sieg davonzutragen. Für Zaubereien benötigt der Meister ein Zauberwort, das bei richtiger Anwendung den gewünschten Erfolg bringt. Unser Zauberwort lautete: „A u s!“
 

<<zurück<<

-8-

>>weiter>>