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DIE PFLICHT RUFT –  DER ERNST DES LEBENS BEGINNT


Der schönste Urlaub ist einmal vorbei. So kam der Tag, an dem einer von uns beiden wieder aus dem Haus musste, um das Geld für unser Futter zu verdienen. Als Ältere und Rudelführerin hatte ich diese Aufgabe zu übernehmen.
  Natürlich konnte mein Hund nicht zusehen, wie ich mich Tag für Tag alleine abrackerte und beschloss, mir wenigstens in unserer Wohnung zur Hand zu gehen. Das war zweifellos lieb und fürsorglich gemeint. Auch wusste ich die gute Absicht zu schätzen. Dass die Einrichtungsgegenstände, die Baffi bearbeitete, ihren Arbeitsmethoden nicht immer voll und ganz gewachsen waren, dafür konnte sie wirklich nichts!
  Es folgt eine kurze Übersicht über Baffis umfangreiches Arbeitsgebiet.
In acht Monaten, ausgefüllt mit unermüdlicher Arbeit, hatte Baffi sich einen Einblick in die verschiedensten Berufssparten verschafft, die für die Instandhaltung einer Behausung mitsamt ihren Bewohnern von Nutzen waren.
Erstens: Die Chirurgin.
Baffi erprobte ihre chirurgischen Fähigkeiten unter anderem an sechs größeren und kleineren Stofftieren, einem Wecker, einer Bettdecke, einer Wolldecke, einer Leselampe, drei Kalendern, zwei Regalbrettern, einem Nachthemd und einer Wetterstation.
Jeder kann sich leicht vorstellen, welch ungeheurer Arbeitsaufwand für die gründliche Sezierung und Untersuchung all dieser Gegenstände notwendig war.
Damit nicht genug.
Nach diesen relativ groben Arbeiten  wurden chirurgische Feinheiten an dem Inhalt eines Setzkastens geübt. Ein kleiner Porzellanhase, der dabei versehentlich verschluckt wurde, erblickte nach einigen Tagen auf natürlichem Wege wieder das Licht der Welt.
Zu Baffis Kummer fanden ihre mühevollen Forschungsarbeiten nicht meine volle Anerkennung.
Selbst mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen zeigte ich mich unzufrieden. Weitere Forschungsmaterialien wurden gestrichen.
Ich entfernte aus dem Wohnzimmerschrank sämtliche Fotoalben, Bücher, Zeitschriften, Blumenvasen und Kerzen.
Baffi fraß eine Muschel und einen trockenen Seestern! Die Freude am Beruf des Chirurgen war endgültig verdorben!
 

Vielleicht hatte sie als Floristin mehr Glück.
Das Ergebnis präsentierte sich in Form eines zerrupften Blumengesteckes. Der Versuch, eine große Blume umzutopfen, endete mit der Verteilung der gesamten Blumenerde einschließlich der Bestandteile der Pflanze in meinem Wohnzimmer.
Ach ja, hätte ein Hund nur etwas längere Finger an den Pfötchen, das Ergebnis wäre sicher besser ausgefallen.
Mir blieb nichts übrig, als tagsüber die restlichen Pflanzen sowie alle Gegenstände aus den unteren Regalen oben auf dem Schrank in Sicherheit zu bringen.
Baffi hingegen verlor nicht den Mut!
Sie begann eine Ausbildung zum Elektrofachhund.
Die Lehrlingsarbeiten bestanden darin, gründlich alle Stecker und Leitungen durchzuprüfen und gegebenenfalls zu „reparieren“. In Erwartung der Katastrophe hatte ich natürlich schon morgens die Stecker aus den Steckdosen entfernt. Längst waren sämtliche Leitungen von Klaus unter den Teppichboden verlegt und verklebt worden.
Das hinderte selbstverständlich einen tüchtigen Elektrofachhund nicht daran, wenigstens zwei Lautsprecherschnüre wieder unter dem Teppich hervorzukramen und sauber zu durchtrennen. Leider hatte das den völligen Ausfall unserer musikalischen Vergnügungen zur Folge.
Machte doch nichts! – Musikberieselung lenkte extrem von ernsthafter Arbeit ab. Zum lustigen Beutespiel war eine Musikuntermalung erst recht unnötig! –
Baffi entschloss sich, ihre Ausbildung zur Elektrikerin vorerst abzubrechen.
Sie glaubte nämlich, ein besonderes Talent für den Beruf der Tischlerin oder Holzschnitzerin in sich aufgespürt zu haben. Regale, Schubladen, Ecken und Kanten aller Schränke wurden liebevoll mit künstlerischen Schnitzarbeiten versehen.
Leider traf mein Hund auch damit nicht meinen Geschmack, sondern nur einige meiner Nerven, die stellenweise schon leichte Zerfaserungen aufwiesen.
Dabei hatte sie sich so bemüht! Im Eifer des Gefechtes fiel der Fernseher um, worauf ihm zur Strafe ein paar Knöpfe abgebissen wurden. Um Schlimmeres zu verhindern, schleppte ich ihn von nun an jeden Morgen ins Bad.
Der Musikschrank, er war sowieso unbrauchbar geworden, bekam auch seinen Teil ab. Der Plattenspielerdeckel wurde verschrammt, zwei Knöpfe vom Radio abgebissen, eine Schallplatte völlig zerfetzt, die anderen erheblich beschädigt.
 

Dadurch, dass der Wohnzimmertisch dauernd umgerannt wurde (was musste der auch mitten im Weg rumstehen?!), lösten sich seine Beine. Sie wurden mehrmals geleimt (vergebens) und als letztes Mittel mit stabilen Winkeleisen verschraubt. Der Erfolg war von kurzer Dauer.
Zwei Tage später wackelten sie wieder.
Puuuh! Wahrscheinlich träumte Baffi in jeder Nacht von neuen guten Taten.
Immer noch wollte die Meisterin es sich nicht eingestehen, dass ihre künstlerischen Talente weniger großartig waren als sie es sich erhofft hatte!
Vielleicht klappte es besser bei den Schränken im Flur. Zuerst mussten die hässlichen Knöpfe vom Schuhschrank entfernt werden! Dann fertigte Baffi ihr Meisterstück an: Die kunstvolle Gestaltung von Küchentür und Badezimmertür einschließlich ihrer Rahmen! – Eine Erneuerung ließ sich daraufhin leider nicht umgehen.
Glücklicherweise schien Baffi ihre Meisterprüfung dennoch bestanden zu haben und gönnte sich als Holzbearbeitungsmeisterin eine kleine Pause.
Sie schenkte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit als nächstes den Teppichen und Tapeten. Sie wurden an fünf Stellen gelöst und kunstfertig ausgefranst, der Teppich unter der Heizung restlos entfernt. An dieser Stelle brachte er schließlich keinerlei Nutzen.
Weshalb die Schnitzarbeiten an den Wänden nicht vollendet wurden, weiß ich nicht. Vielleicht war der Geschmack des Putzes unzumutbar.
Eine Tatsache blieb Baffi, nach ihren Bemühungen sich nützlich zu machen, nicht verborgen: All ihre Arbeiten lösten nicht gerade Begeisterungsstürme bei mir aus!
Bei so viel Missachtung ihres beachtlichen handwerklichen Talentes resignierte Baffi schließlich und startete noch einen allerletzten Versuch als Telefonistin.
Dieser Versuch schlug schon im Anfangsstadium fehl, weil ich Baffis „gute“ Absichten zu früh erkannt hatte.
Nachdem ich die Telefonschnur sorgfältig hinter dem Schrank und das Telefon
im Schuhschrank versteckt hatte, sah sie sich außerstande, ihre Tätigkeit als Telefonistin auszuüben.
Das ging zu weit!
So viele Hindernisse, wie Baffi bereits vor die Pfoten geknallt worden waren, hätten sogar den sanftmütigsten, geduldigsten, verständnisvollsten Bobtail auf der Welt langsam in Rage gebracht. So musste wohl Verständnis dafür aufgebracht werden, dass Baffi ihrer Wut und Enttäuschung ein kleines bisschen Ausdruck verlieh: Sie zerschmiss rasch eine Glasschüssel, zerbiss zwei Holzschalen und zerfetzte einen Staubwedel. So, das hatten sie nun davon!!
 

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