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BERGE  UND TÄLER  DES LEBENS


Der Lebensweg eines jeden Menschen und eines jeden Hundes verläuft selten über lange Strecken hinweg gemütlich geradeaus und eben. Manchmal führt der Weg uns eine Weile durch ein ziemlich unwirtliches, düsteres Tal. Dornen und Gestrüpp versperren die Sicht und behindern unser Vorwärtskommen. Streckenweise wandern wir entlang eines winzigen Trampelpfades, der uns schlimmstenfalls auch noch im Gestrüpp verloren geht. Wir stecken in einer Lebenskrise!
Rat- und hilflos stehen wir da, in der Wildnis unseres Lebens. Dann kommt es darauf an, nicht vor Angst die Augen fest zuzukneifen und nicht den Kopf tief in den Sand oder die Matsche zu stecken. Nur so können wir versteckte Wegweiser finden und manchen rettenden Strohhalm ergreifen, der uns gereicht wird.
Kaum ist ein Hindernis glücklich überwunden, kommen wir an eine Weggabelung, an der unser Weg uns in verschiedene Richtungen weiterleiten möchte. Die Entscheidung für eine Richtung kann schwer fallen und möglicherweise sogar in einer Sackgasse enden. Das heißt, zurückwandern zur Gabelung und den richtigen Weg erwischen, oder versuchen über einen Umweg wieder auf den Hauptweg zu gelangen.
Früher oder später finden wir den Pfad, der uns aus der dunklen Schlucht hinaufbringt auf die lichten, sonnenbestrahlten Bergeshöhen. Meist erreichen wir ziemlich erschöpft und außer Atem den Berggipfel, doch mit dem guten Gefühl etwas Schweres geschafft zu haben. Mehr Kraft, neue Erkenntnisse, wertvolle Erfahrungen sind der Lohn für die Überwindung der schweren Wegstrecke, unserer Lebenskrise.
„Die erzählt einen Blödsinn!“, wird nun manch einer protestieren, der sich gerade an einem solchen Tiefpunkt seines Lebens befindet. „Ich weiß nicht ein noch aus, sehe kein Hinweisschild und keinen Strohhalm, spüre nur Schmerz, Leid und Ungerechtigkeit und soll nun auch noch dieser ganzen Misere etwas Gutes abgewinnen, auf einen zweifelhaften Lohn hoffen!“ Sie haben Recht, liebe(r) gequälte(r) Leser(in). Als ich in meiner düsteren Lebensschlucht in einem Dornengestrüpp fest hing, empfand ich solche oder ähnliche Worte des Trostes genauso wenig tröstend wie Sie. In unserem dunklen Loch können wir ja nicht weit schauen! Die angenehmen Zeiten des Lebens, die hinter uns liegen, sind nicht mehr sichtbar, scheinen sogar aus dem Gedächtnis gelöscht zu sein, und bis auf den Berg, auf dem für uns die Sonne scheint, vermögen wir erst recht nicht zu blicken. Bestenfalls lässt sich noch die Hand vor den Augen erkennen.
 

Wir tasten uns Schritt für Schritt vorwärts, in blindem Vertrauen, mit einer hoffentlich großen Portion Mut, bis die ersten Lichtstrahlen wieder unsere Nasenspitze kitzeln. Nun dauert es nicht mehr lange, bis das Hochplateau erklommen ist. Eine klare, weite Rundumsicht, den weiteren Lebensweg deutlich vor unseren Füßen.
Das Leben hat uns wieder!
  Das ist jedoch bereits das Ende der nun folgenden Geschichte.
Sieben lange Jahre wanderte unsere kleine Menschen-Hund-Familie auf dem Kamm des Lebensberges entlang. Wir folgten unserem Lebensweg, der uns in sanften Wellenbewegungen mal ein Stückchen hinauf, mal ein Stückchen hinunter führte. Der Höhenunterschied blieb gering, bis sich der Tag näherte, an dem wir drei einen sehr steinigen, sehr steilen Pfad hinabsteigen mussten, hinunter in ein tiefes Lebenstal. Es kostete große Mühe, nicht den Halt zu verlieren und in die Tiefe abzustürzen. Was war geschehen?
  Klaus, unser zweiter Rudelführer, mein Lebensgefährte, wurde plötzlich von uns abberufen, um die Schwelle des Todes zu überschreiten und seine Reise auf einem uns unbekannten Weg anzutreten. Er starb vierzehn Tage nach dem Ausbruch einer schweren Krankheit.
Über und unter mir brachen Himmel und Erde zusammen, mit ihnen mein Leben, unsere Pläne, unsere Zukunft. Meine treue Baffi, die ja selber völlig verwirrt und traurig war, bemühte sich rührend, mich von den Trümmern zu befreien und mich davor zu bewahren, vollends in die dunkle Schlucht abzurutschen.
Zum Glück bekamen wir Hilfe von den entfernteren Rudelmitgliedern und aus befreundeten und bekannten Rudeln. Vieles wurde anders. – Ja, eigentlich wurde alles anders.
Der Umzug in eine kleinere, preisgünstige Wohnung, die Einsamkeit, das Gefühl, nicht mehr ganz lebendig zu sein, weil ein Stück von mir gestorben war, die alleinige Verantwortung für alles, einschließlich meines eigenen Lebens.
Ich steckte in einem wirklich finsteren Tal! Nachdem es mir gelungen war, meine Augen wieder zu öffnen und den Kopf aus dem Sand zu erheben, sah ich Baffi vor mir sitzen und mich mit erwartungsvollen Augen anschauen.
Ich fand tatsächlich einen Wegweiser nach dem anderen, und nicht nur rettende Strohhalme, sondern dicke Äste, an denen ich mich vorwärts hangeln konnte.
Schließlich erreichten wir den Pfad, der uns wieder hinaufführen wollte in die Sonne. Mit vereinten Kräften gelang es uns, diesen Pfad langsam zu erklimmen, nicht zuletzt dank der unermüdlichen Hilfe meines geliebten Hütehundes!
 

Nach etwa zwei Jahren gesellte sich mehr und mehr ein netter, lieber, männlicher Mensch an unsere Seite. An den Wochenenden (zunächst) waren wir schon ein großes Rudel! Viele Ausflüge und Spaziergänge, auf denen endlich wieder eine „riesige“ Herde zu beaufsichtigen war, brachten eine Menge Spaß. Baffis größte Freude war jedoch, dass ihre liebste Rudelführerin
wieder glücklich, vergnügt und fröhlich sein konnte!
Die düsteren Wolken, die auch Baffi eingehüllt hatten, zogen von dannen.
  In ihrem neunten Lebensjahr war Baffi immer noch ein voll einsatzfähiger Hütehund, was auch noch gute drei Jahre lang so bleiben sollte. Kein Schaf konnte zu schnell, kein Feind zu gefährlich sein, – ausgenommen natürlich die allerbösartigsten Feinde, die feige aus dem Hinterhalt ihre knallenden, donnernden, explodierenden Waffen gegen uns erhoben. Die Menschen gaben ihnen verharmlosende Namen, wie „Gewitter“, „Silvesterraketen“, „Luftballon“, „Manöver“!
  Mitten in Baffis elftem Lebensjahr stolperten wir unversehens wieder in eine kleine Lebenskuhle hinein.
Baffi erkrankte zum erstenmal in ihrem Leben richtig ernsthaft. An diesem Tag kehrte ich heim von meiner Arbeitsstelle und betrat, in freudiger Erwartung der üblichen Begrüßungszeremonie, das Wohnzimmer. Was geschah? – Nichts!
Mein Hündchen lag unter dem Tisch und schlief. Ich sagte: „Baffi, ich bin wieder da, freu dich doch ein bisschen.“ Baffi erhob sich umständlich, und die gewohnte Begrüßung spielte sich im Zeitlupentempo ab. Das beunruhigte mich schon ein wenig, und nur der Gedanke, dass eine ältere Bobtaildame ruhig einmal etwas tiefer schlafen dürfte, beruhigte mich vorübergehend.
Das Zauberwort „Spazierengehen“ verfehlte seine Wirkung nicht ganz. Etwas munterer folgte Baffi mir hinaus. Den Weg zum Wald kürzten wir jedoch sicherheitshalber durch eine Autofahrt ab. Bald stellte sich heraus, dass dies eine gute Entscheidung gewesen war. Nach der raschen Erledigung aller „geschäftlichen Angelegenheiten“, wandte sich Baffi unserem Auto zu und überzeugte mich blitzschnell davon, dass sie nicht gewillt war, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Das passierte zum erstenmal in „Friedenszeiten“! Kein Knall, kein Donner, – nichts!
Meine Beruhigung wich sogleich einer mittelgroßen Sorge. Zu Hause bereitete ich für meinen Hund eine köstliche Portion Futter zu. Dieser Moment gehörte normalerweise zu den schönsten des Tages. Zu diesem Ritual gehörte es außerdem, dass Baffi jeden meiner Handgriffe mit äußerer Ruhe und äußerster innerer Ungeduld verfolgte. Nicht so an diesem Tag!
Baffi hatte sich schon wieder zum Schlafen hingelegt. Ich trug die leckersten Häppchen zu ihr, die nicht einmal das dicke Schnuppernäschen in Bewegung versetzten! 
 

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